Die Geldordnung ergänzen – warum Europa eine Debatte über Demurrage braucht
„Die Wähler sind frustriert über eine Politik der Symptombekämpfung. Sie verlangen Visionen.“ Mit dieser Diagnose hat Dr. Jochen Andritzky im Handelsblatt einen wunden Punkt getroffen. Tatsächlich fehlt es in der wirtschaftspolitischen Debatte zunehmend an mutigen Konzepten, die über kurzfristige Kriseninterventionen hinausreichen. Sein Verweis auf die Schweiz – mit ihrem traditionell niedrigen Zinsniveau – zeigt: das Zinsniveau macht den Unterschied. Doch darüber wird selten ernsthaft diskutiert.
Die zentrale Frage lautet: Wie können wir unsere Geldordnung zeitgemäß gestalten? Können stabile Währungen mit dauerhaft niedrigen Zinsen funktionieren? Bietet sich hier eine Vision für eine resiliente europäische Volkswirtschaft, die ökonomische Stabilität mit ökologischer Tragfähigkeit verbindet?
Henning Vöpel warnt vor einem kommenden „Regimewechsel in der Weltwirtschaft – einem Post-Zeitenwende-Regime“, auf das die Politik kaum vorbereitet sei. Doch wie steht es um die Wissenschaft? Ist sie bereit, grundlegende Strukturen unseres Wirtschaftssystems zu hinterfragen?
Ein Kernproblem bleibt weitgehend tabuisiert: das exponentielle Wachstum im monetären Bereich. Unser Geldsystem erzeugt systematisch den Zwang zu steigenden Renditen und permanentem Wachstum. Solange Notenbanken positive Zinssätze vorgeben, funktioniert dieses System – wie fast immer in der Geschichte – nur unter der Prämisse stetiger Expansion. Der Preis dafür ist die totale Fixierung auf immer mehr Wirtschaftswachstum, vollkommen unabhängig davon, ob eine Ausweitung von Wirtschaftsleistung geboten, sinnvoll, oder überhaupt erstrebenswert ist. Die ökologischen und sozialen Kosten werden als Kollateralschäden betrachtet.
Zwar sinken die Zinsen langfristig, was theoretisch Entlastung bringen könnte. Gleichzeitig aber wächst die Geldmenge schneller als die Realwirtschaft. Ein strukturelles Problem wird dabei regelmäßig ignoriert: Geld muss sich nicht zu gegebenen Zinssätzen anbieten. Kapital kann gehortet werden. In Krisenzeiten verweigert sich das Finanzkapital produktiven Investitionen – und wir nennen das dann „Finanzkrise“. Tatsächlich handelt es sich um ein systemisches Versagen.
Genau hier setzt eine alte, aber bemerkenswert aktuelle Idee an: die Liquiditätsgebühr, auch bekannt als Demurrage. Bereits Silvio Gesell und John Maynard Keynes sahen darin ein mögliches Stabilisierungselement moderner Geldordnungen. Dennoch wird das Konzept von der ökonomischen Zunft bis heute gemieden. Warum eigentlich?
Demurrage bedeutet eine geringe Gebühr auf das bloße Halten von Geld – insbesondere von Zentralbankgeld. Sie wirkt als Umlaufsicherung: Wer sein Geld nicht investiert, konsumiert oder als Termingeld bindet, verliert geringfügig an Kaufkraft. Der marktwirtschaftliche Anreiz ist klar: Geld soll zirkulieren, nicht gehortet werden.
In einer modernen Ausgestaltung könnte eine solche Gebühr, die in erster Linie an institutionelle Akteure adressiert ist, eine Politik dauerhaft niedriger bis negativer Zinsen flankieren. Die EZB würde dadurch in die Lage versetzt, den sogenannten Zero-Lower-Bound Effekt zu überwinden. Bargeld verlöre seinen privilegierten Status, die geldpolitische Schlagkraft der Zentralbank würde steigen, fiskalpolitische „Rettungspakete“ werden vermeidbar.
Der ökonomische Effekt wäre erheblich: Während klassische Niedrigzinsen spekulative Blasen in den Finanzmärkten befeuern, würde Demurrage auch bei niedrigsten Zinssätzen Liquidität in reale Investitionen lenken. Geld würde seinen Schrecken als Krisenauslöser verlieren. Anstatt das Wirtschaftswachstum um jeden Preis auf das Niveau der Zinssätze zu heben, würden sich die Zinssätze am realen Wirtschaftswachstum orientieren.
Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit, hoher Arbeitslosenzahlen und der voranschreitenden Klimatransformation wäre ein solches System ein Stabilitätsanker. Eine Wirtschaft, die systematisch Umlauf statt Hortung begünstigt, ist widerstandsfähiger gegenüber Schocks. Gleichzeitig würde die geldpolitische Autonomie der EZB gestärkt – sie könnte flexibler agieren, ohne in Verteilungskonflikte zwischen Mitgliedsstaaten zu geraten.
Für Klimaschützer ist der Zusammenhang offensichtlich: Selbst geringe Wachstumsraten entfalten langfristig dramatische Wirkungen. Der unreflektierte Zwang zu Expansion steht in direktem Widerspruch zu ökologischer Nachhaltigkeit. Solange die monetären Treiber dieses Wachstums nicht offen diskutiert werden, bleibt Klimapolitik ein Kampf gegen strukturelle Windmühlen.
Ein pensionierter Notenbanker nannte Gesells Idee einmal eine der originellsten Innovationen der Geldgeschichte – bedauerte aber, dass sie institutionell nie ernsthaft erprobt wurde. Vielleicht war das eine verpasste Chance. Es ist jetzt der Zeitpunkt, sie neu zu bewerten.
Europa steht vor der Wahl: Weiter Krisen managen – oder den Mut aufbringen, die Grundlagen seines Geldsystems zu überdenken. Eine offene Debatte über Demurrage wäre ein zentraler Schritt. Visionen, wie Andritzky sie fordert, beginnen genau hier.
Die Personen:
Dr. Jochen Andritzky: Damit Politik wieder langfristig gedacht wird, gründete er die Initiative Zukunft-Fabrik.2050. Zuvor war er beim Internationalen Währungsfonds in Washington DC und Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Prof. Dr. Henning Vöpel: Experte auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik und ein bekanntes Mitglied der akademischen Gemeinschaft. Er ist derzeit Vorstand der Stiftung Ordnungspolitik und Direktor des Centrums für Europäische Politik (cep) mit Sitz in Berlin, Freiburg, Paris und Rom.
Klaus Willemsen, 19.01.2026
