Sieben Jahre Negativzins in der Schweiz – ein zukunftsweisendes Experiment

Von 2015 bis 2022 verlangte die Schweizerische Nationalbank einen Negativzins von zeitweise minus 0,75 Prozent. Warum wurde dieses Experiment beendet? Weil es gescheitert war? Die Antwort lautet: nein.

Als die Schweizerische Nationalbank (SNB) 2015 ihren Negativzins auf minus 0,75 Prozent senkte, wollte sie vor allem Anlagen in Schweizer Franken weniger attraktiv machen. Der Franken stand unter massivem Aufwertungsdruck. Ein zu starker Franken bedrohte Exporte, Beschäftigung und Preisstabilität.

Der Negativzins wirkte. Die Zinsen sanken über das gesamte Laufzeitenspektrum, die Zinsdifferenz zum Ausland wurde größer und der Aufwertungsdruck auf den Franken vermindert. Die SNB bezeichnete den Negativzins zusammen mit ihren Devisenmarktinterventionen später ausdrücklich als ein Instrument, das zu angemessenen monetären Bedingungen und zur Sicherung der Preisstabilität beigetragen habe.

Warum kehrte die Schweiz 2022 zu positiven Zinsen zurück?

Mit dem Überfall auf die Ukraine kam zu Lieferengpässen und erheblichen Preissteigerungen mit Auswirkung auf die gesamte Volkswirtschaft. Im August 2022 erreichte die Inflation 3,5 Prozent. Die SNB erhöhte deshalb ihren Leitzins im Juni zunächst von minus 0,75 auf minus 0,25 Prozent und im September auf plus 0,5 Prozent. Nicht weil der Negativzins gescheitert war, sondern weil die Inflation zunahm. Sie wollte damit verhindern, dass sich die Inflation auf immer mehr Waren und Dienstleistungen ausbreitete.

Die Rückkehr zu höheren Zinsen war nicht alternativlos

Ein erheblicher Teil des damaligen Preisanstiegs wurde durch teurere Energie und Rohstoffe sowie Lieferengpässe ausgelöst. Höhere Zinsen verbilligen weder Gas noch Öl und beseitigen keine Lieferengpässe. Sie verteuern vielmehr Kredite und Investitionen und bremsen damit die gesamte Wirtschaft.

Eine andere Strategie wäre denkbar gewesen

Die gestiegenen Energiepreise hätten als Knappheitssignal akzeptiert werden können, während ihre sozialen Folgen durch ein Pro-Kopf-Energiegeld ausgeglichen worden wären. Die Schweiz kennt dieses Prinzip bereits bei der CO₂-Abgabe: Ein Teil der Einnahmen wird gleichmäßig an die Bevölkerung zurückverteilt. Haushalte mit geringem Energieverbrauch werden dadurch relativ stärker entlastet. Energieintensive und im internationalen Wettbewerb stehende Unternehmen könnten zusätzlich gezielt unterstützt werden, ohne das allgemeine Zinsniveau anzuheben.

Der Anstieg der Bodenpreise sollte nicht mit der Zinspolitik beantwortet werden

Gegen den Preisauftrieb bei Immobilien und Boden hätte ein anderes Instrument näher an der Ursache angesetzt: höhere Abgaben auf Bodenwerte beziehungsweise eine stärkere Abschöpfung der Bodenrenten. Statt mit steigenden Zinsen Investitionen insgesamt zu verteuern, würde damit gezielt der leistungslose Wertzuwachs des knappen Bodens abgeschöpft und der Anreiz vermindert, billiges Kapital in Grundstücke und Immobilien zu lenken.

Wer „A“ sagt kann auch „B“ sagen

Die Erfahrungen in der Schweiz zeigen neben den umfangreichen positiven Entwicklungen auch Schwachstellen und Grenzen des damaligen Negativzinses. Er war keine allgemeine Gebühr auf liquide Geldhaltung. Belastet wurden vor allem bestimmte Sichtguthaben der Banken bei der Nationalbank; zudem bestanden Freibeträge und die Flucht in Bargeldbestände blieb als Drohpotential erhalten.

Genau hier setzt die weitergehende Idee einer Liquiditätsgebühr an. Sie kann die Möglichkeit begrenzen, Geld dem Wirtschaftskreislauf kostenlos und unbegrenzt zu entziehen, und es damit ermöglichen, den Geld- und Kapitalmarktzins dauerhaft näher an null zu halten. So vermeidet man eine expansive Geldpolitik und inflationäre Effekte.

Die Schweizer Erfahrung widerlegt diesen Ansatz nicht. Sie wirft vielmehr eine weitergehende Frage auf: Warum soll Inflation grundsätzlich mit höheren Zinsen und damit höheren Finanzierungskosten für die gesamte Wirtschaft bekämpft werden, wenn Preissteigerungen dort angegangen und sozial ausgeglichen werden können, wo sie tatsächlich entstehen?